ALLES UM LIEBE

von Michael Masberg


Meine Beine schmerzten von einer durchtanzten Nacht. Ansonsten war alles in mir taub. Das dumpfe Echo des Rausches. Und noch etwas anderes.
Es war Tag. Ich hatte nicht geschlafen. Diese Freiheit, wenn man die Grenzen überwunden hat. Dieser Frieden, wenn man alles in sich betäubt hat.
Die anderen hatte ich verlassen, ich wollte nicht mit ihnen weiter in den Tag treiben. Ich war erschöpft, konnte aber nicht nach Hause. Ich hätte es nicht ertragen. Ich musste Menschen um mich haben und brauchte Ruhe. Es war naheliegend, dass ich auf den Friedhof ging.
Der Bus setzte mich im Westen des riesigen Areals ab. Mit mir stiegen nur eine Handvoll älterer Frauen und Männer aus, sonst zog es so früh niemanden hierhin. Untereinander schienen sich die Witwen und Witwer gut zu kennen. Die alten Gefährten in der Trauer waren gut aufgelegt, tratschen miteinander und machten Scherze. Es war als würden sie zum Wochenmarkt fahren, nicht zum Friedhof. Ihre Ausgelassenheit beschwingte mich. Ich stieg mit ihnen aus, der einzige, der niemanden kannte, der hier lag, und verschwand bald auf den verschlungenen Pfaden jenseits der Hauptwege.
Ohne Ziel spazierte ich durch einen Teil, der mehr Wald als Begräbnisstätte war. Wann immer ich Schritte oder Stimmen hörte, bog ich ab. Ich wollte niemandem begegnen. Ich genügte mir. Bald wanderte ich auf schmalen Pfaden, die mit den abgefallenen Herbstfrüchten der Bäume übersät waren. Die Gräber hier besuchte schon lange niemand mehr. Ich sah umgeworfene Grabsteine und überwucherte Marmorplatten. Einmal blieb ich lange vor einem Stein stehen. Er war so verwittert, dass ich unmöglich sagen konnte, ob er jemals eine Inschrift besessen hatte. Ein anderes Mal fiel mir ein Grabstein auf, der von ineinander verschlungenen Bäumen wie von einem Käfig umschlossen war. Einem nahen Steinlöwen hatten die Jahrzehnte das Gesicht zersetzt und zwischen moosbewachsenen Säulen weinte ein schwarzer Basaltengel.
Ich erklomm einen kleinen Hügel. Meine Beine zitterten. Sie wollten nicht mehr weiter. Ich ließ mich auf eine Bank im Schatten einiger Bäume fallen. Von meinem Platz aus waren die Gräber im Dickicht kaum auszumachen. Aber ich spürte, dass sie da waren. Unzählbare Geschichten verrotteten um mich herum in der Erde. Ich hielt das Gesicht in die Sonne und schloss die Augen. Ich wollte lauschen.
Das einzige, das ich hörte, war das Geplapper zweier Frauen. Sie unterhielten sich in einer Lautstärke, als wollten sie Brötchen auf dem Fischmarkt verkaufen. Ihre Stimmen kamen näher. Ich hielt die Augen geschlossen. Sie würden weiterziehen, es würde nur einige Minuten dauern. Ich wollte mich nicht vertreiben lassen.
Die Stimmen blieben. Sie waren ganz in der Nähe. Es war, als hätten sich die Frauen neben mich gesetzt und würden sich über mich hinweg unterhalten. Über einen Mann namens Thomas, der mit einer der Frauen verwandt schien. Thomas musste einiges angestellt haben, von dem ich nur in Andeutungen erfuhr. Er war wohl nicht sehr zuverlässig. Den größten Unmut erregte bei der einen Frau der Zustand seines Gartens, aus dem sie bemerkenswerte Schlüsse über seine Ehe zog. So erfuhr ich schließlich, dass er ihr Schwiegersohn war.
Ich wollte nicht aufstehen. Meine Beine wollten sich nicht bewegen. Ich wollte, dass die Frauen gingen. Es war ein stummer Wettstreit, bei dem die andere Seite nicht wusste, dass sie an ihm teilnahm.
Ich stellte mir vor, dass die Frauen nicht da wären. Dass ich den Stimmen von Geistern lauschte. Zwei modernde Leichen in ihren Gräbern, die sich schon zu Lebzeiten gekannt hatten. Sie waren zusammen aufgewachsen, Freundinnen von Kindesbeinen an. Selten hatten sie ihren Stadtteil verlassen, die Stadt niemals, hatten in ihrer kleinen Welt gelebt, hatten geliebt, geheiratet, ihre Männer überlebt, hatten sich gegenseitig überlebt und hier ihre letzte Ruhe gefunden. Ihre Gräber lagen nebeneinander, so wie sie nebeneinander gelebt hatten. Ich lauschte ihren Erinnerungen, Tratsch aus der Vergangenheit, und hoffte für Thomas, dass er ebenfalls bereits tot war.
Leider war ihr Gespräch zu banal und zu lebendig, um meine Phantasie aufrechtzuerhalten. Ich gab auf. Meine müden Beine zwang ich, aufzustehen und zu weiterzugehen. Nicht weit von mir entfernt sah ich die beiden älteren Damen. Sie hatten es sich auf einer anderen Bank gemütlich gemacht. Wie ich sie dort sitzen sah, wusste ich, dass ich nie eine Chance gehabt hatte. Sie hatten sich für eine Ewigkeit eingerichtet. Ich stapfte so wütend los, wie es mir möglich war. Sie bemerkten mich nicht einmal. Frustriert schlug ich mich in einen Nebenpfad.
Wieder wanderte ich durch den verwilderten Gräbergarten. Die stummen Zeugnisse verblichener Leben um mich herum hätten aus jeder Epoche stammen können. Manche wirkten wie aus vorgeschichtlicher Zeit. Von der Witterung zersetzt, gaben sie keine Auskunft mehr, wer hier einst der Erde übergeben worden war, geschweige denn, welcher Kultur oder Religion der Tote angehört hatte. Doch sie waren noch da, Symbole des Gedenkens, die an nichts mehr erinnerten.
Ich fand zurück zu der Ruhe, die mir die geschwätzigen Frauen genommen hatten.
Mein Weg endete unvermittelt in einem Rondell und ich fand mich inmitten einer Grabanlage wieder, die nicht deplatzierter hätte wirken können. Ein Dutzend Grabplatten bildeten ein Halbrund vor einem weißen Marmortriptychon, das sich über fünf weitere Gräber erhob. Was diese Entdeckung so befremdlich machte, war der gepflegte Zustand. Tief im Gräberwald verborgen, am Ende eines fast zugewachsenen Pfades, hätten die geputzten, mit Blumen und Kerzen geschmückten Gräber nicht unwirklicher sein können. Ich war so überrascht, dass ich es minutenlang nicht schaffte, mich zu rühren.
Alle Toten entstammten einer Familie. Doch nachdem mein Blick auf das Grab in der Mitte gefallen war, interessierte mich nichts mehr sonst.

Augusta Berl
geb.den 24.August 1836
gest.den 18.November 1900
zu Hamburg

Es war nicht der Name. Nicht ihre Lebenszeit oder das Alter des Grabes. Es war die Inschrift darunter.

Alles um Liebe war die Losung meines Lebens

Vis-a-vis mit Augustas Grab stand eine Steinbank. Ich ließ mich darauf nieder und verlor mich in den Worten der Losung. Alles um Liebe. Die Worte wühlten mich auf und löschten jeden Gedanken aus. Alles um Liebe war die Losung meines Lebens. Ich konnte nicht mehr denken als diesen einen Satz. So saß ich da, bereit, für alle Ewigkeit diese Steinworte zu betrachten, sie zu fühlen.
Neben mir räusperte sich jemand. Wie ein Geist stand dort ein Mann. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Es war schwer zu sagen, wie alt er war. Er mochte ebenso sechzig wie siebzig sein. Etwas Jugendliches ging von ihm aus und gleichzeitig etwas Väterliches. Er strahlte eine große Ruhe aus, während in seinen Augen ein kindlicher Schalk saß. Er war klein, sicherlich einen Kopf kleiner als ich, und trug einen braunen Pullunder über einem graublauen Hemd. Unter seiner karierten Schirmmütze kräuselten sich graue Locken. Neben ihm stand eine Gießkanne und ein Eimer mit Gartenwerkzeugen. Unwillkürlich fragte ich mich, wo er das Wasser in der Gießkanne herhatte. Auf meiner Wanderung hatte ich lange keinen Wasserhahn gesehen. Wie weit musste er das Wasser zu diesem verborgenen Ort geschleppt haben? Er machte nicht den Eindruck, erschöpft zu sein.
Plötzlich begriff ich die Situation und fühlte mich ertappt. Verlegen erhob ich mich. »Entschuldigung.«
»Nein, nein, Junge, lass ma gut sein. Ich muss mich entschuldigen. Ich wollte dich nich erschrecken.«
Mir fiel keine Erwiderung ein, also überließ ich die Entscheidung meinen müden Beinen.
»Darf ich?«, fragte er. Ich nickte und er setzte sich neben mich. Seine Nähe war nicht unangenehm. »Ich bin Jürgen.«
Ich stelle mich ebenfalls vor und wir schüttelten die Hände. Seine Hände waren rau, Arbeiterhände.
»Wissen Sie, wer sie war?«
»Kanns ‘du’ sagen, Junge.« Jürgen holte ein Päckchen selbst gestopfter Zigaretten hervor und bot mir eine an. Ich lehnte nicht ab. »Du meins Augusta? Ja, ich kennse. Also nich, dass ich sie getroffen hätt, so alt bin ich auch wieda nich.«
»Bist du mit ihr verwandt?«
»Gewissermaßen.« Wir rauchten und schauten zusammen auf Augustas Grab. »Eine bemerkenswerte Frau«, sagte Jürgen schließlich. »Jeda inner Familie kann Geschichten über sie erzählen. Sie war Tänzerin. Dat war damals keine Selbstverständlichkeit. Tanzende Mädels waren wat für die Matrosen. Aber Augusta hatte Glück. Die Berls waren damals reich, einige sind et noch heute. Und ihre Eltern ließn sie machen. Und weißte, warum?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Sie konnten es sich leisten?«
»Sie liebten sie. Augusta verstand dat früh. Damit mein ich nich, dat sie et ausgenutzt hätte. Sie verstand früh, wat dahinter steht. Allet dreht sich um die Liebe.«
Ich dachte an daheim, obwohl ich nicht mehr wusste, was daheim war. Drei Jahre hatten sich aufgelöst und ein ganzes Leben war verschwunden. Langsam wurde ich wieder nüchtern und damit kehrte das Wissen zurück, dass auch Tanzen nicht gegen die Leere half, die mir geblieben war.
»Und sie hat geliebt, dat kann ich dir sagn. Nich, dat du mich falsch verstehn tust: Sie war nich so ein leichtet Mädel, die mit jedem angebandelt hat. Treu warse.« Er blies Rausch in die Luft. »Hätte ne ganz Große werden könn’n, die Augusta. Die Tanzpaläste und Theater ham sich um sie gerissen. Sie hat auf den ganz großen Bühnen gestanden und die Leute ham sie geliebt.«
Allerlei Geschichten kamen mir in den Sinn, von Tänzerinnen, die stürzten und ihre Karriere beenden mussten. Von Frauen, die zu alt für diesen Beruf wurden. Von Leiden, die verborgen gehalten wurden, bis sie nicht mehr zu leugnen waren.
»Was ist geschehen?«
»Wat manchmal passiert im Leben. Dat Tanzen war ihre erste Liebe, aber nich ihre größte. Siehste dat Grab daneben? Dat war ihr Mann. Und die anderen, dat waren ihre Kinder.« Er zeigte um sich herum. »Und da hinten, ihre Enkel.«
»Sie hat das Tanzen aufgeben?« Ein gewisser Unglaube musste in meiner Stimme mitschwingen.
»Wat is denn dat fürn Leben ohne Menschen, die man liebt?« Er holte einen Taschenaschenbecher hervor und drückte die Zigarette aus. »Et gibt Wichtigeret und dat hat Augusta erkannt.«
Ich dachte an die Menschen um mich herum, die Vagabunden und Entwurzelten, die sich in ihr Leben aus dem Koffer heraus eingerichtet hatten. Die von Stadt zu Stadt lebten, ihre Kalender mit Engagements und Auftritten füllten. Die sich nach einem Boden sehnten, in den sie ihre Wurzeln schlagen konnten, darüber jedoch vergaßen, dass sie keine Wurzeln mehr hatten. An jene, die tagtäglich damit rangen, ihre Leidenschaft und ihr Leben zusammenzubringen. Die ihren Kindern aus der Ferne beim Wachsen zusahen. Die glücklich damit waren und denen ich immer seltener glaubte.
Ich dachte an mein eigenes Leben und mit einem Mal kamen mir Jürgens Worte zu banal vor.
»Du bist nicht von hier«, sagte ich.
»Ich hoffe, dat ich noch ein paar schöne Jährchen vor mir habe, bevor ich hier liegn tu.«
»Das meine ich nicht. Dein Akzent. Du bist nicht aus dem Norden.«
Jürgen lächelte. Er wirkte nicht ertappt. »Ich bin aus Herne«, sagte er. »In den Siebzigern bin ich hier rauf. Auf Zeche gab et nix mehr zu holen, also bin ich aufe Werft. Dat is lange her.«
Ich sah zu Augustas Grab. »Du kennst sie nicht, oder?«
»Doch, dat tue ich. Besser als jeder andre. Nur wer sie wirklich war, dat weiß ich nich.« Es schien ihn nicht zu bekümmern. »Meine Frau liecht hier, aufe andern Seite vom Friedhof. Ich mag dat hier, die Ruhe und allet. Irgendwann war ich spazieren gewesen, da bin ich hier vorbeigekommen. Sah scheußlich aus.«
»Und dann hast du dich um das Grab gekümmert.«
»Ich hab die Inschrift gelesen. Und da dachte ich mir: Einer musset ja tun.« Jürgen stand auf. »Ich hab mich da verliebt. Glaubste mir dat?«
Ich nickte. Ich wusste, was er meinte.
»Die Geschichte mit der Tänzerin hast du dir ausgedacht, nicht wahr?«
Er zuckte mit den Schultern und griff nach der Gießkanne. »Diese und nochn paar andre. Willste sie hören?«
Lächelnd stand ich auf. Meine Beine schmerzten nicht mehr. »Beim nächsten Mal.«
Wir verabschiedeten uns und Jürgen machte sich an die Arbeit. Ich ging langsam davon. Die Leere in mir war verschwunden. Die Worte einer toten Fremden füllten sie nun aus. Einer Fremden, die mir plötzlich sehr vertraut war.
Ich blieb stehen und sah zurück. Jürgen werkelte an Augustas Grab, zupfte Unkraut und plapperte munter vor sich hin.
Ich ging zurück.
»Haste wat vergessen, Junge?«
»Ich dachte mir, vielleicht brauchst du Hilfe.«
Als Antwort lächelte Jürgen. Ich griff nach dem Eimer.
»Nur eine Sache: Erzähle mir noch ein wenig von Augusta.« ♦