BRIEF EINES ALTERNDEN SCHAUSPIELERS AN SEINE NICHTE

von Michael Masberg


Liebes!

Ich kenne Deine Leidenschaft nur zu gut und fürchte, ich habe sie zu nicht unerheblichen Teilen genährt. Wie Deine Mutter mir schrieb, willst Du nun also zum Theater. Sie fragte mich, ob ich mit Dir für Dein Vorsprechen üben würde, und hat Dir sicherlich schon meine überreizte Antwort mitgeteilt. Weil Du mir von allen die Liebste bist, und ich große Schuld an Deinem Wunsch habe, will ich Dir mein “Nein, niemals in diesem Leben!” erklären.

Wir sind uns in vielerlei Hinsicht so ähnlich, dass man früher dachte, Du wärest meine Tochter und nicht das Kind meiner Schwester. Nur in einer Sache unterscheiden wir uns: Du bist ein guter Mensch. Nun wirst Du mir widersprechen wollen, denn der Unterschied hieße, ich sei ein schlechter Mensch. Und vermutlich hättest du mit Deinem Widerspruch in gewisser Weise recht, denn ich bin nicht schlecht genug, um am Theater glücklich zu sein.

Die bittere Wahrheit ist: Alle Menschen, die auf der Bühne stehen, sind Lügner. Die Ehrlichsten sind noch jene, die die Schurken spielen. Das Theater will immer noch als moralische Anstalt betrachtet werden. Selbst wenn manche der Kollegen dies abstreiten, so will das Theater doch der Spiegel der Gesellschaft sein, aber nicht nur einer, der getreulich abbildet, was in ihn hineinfällt, sondern sich wie im Märchen den Kommentar nicht verkneifen kann. Dabei wissen wir nicht erst seit gestern, dass die Schauspieler die letzten Hüter der Moral sind – in dem Sinne, dass sie die Letzten sind, denen man diese Aufgabe anvertrauen sollte. Am Theater gibt es keine Moral außer der eigenen Eitelkeit.

Wir alle zappeln in einem Netz aus Befindlichkeiten und Abhängigkeiten, gewoben von einer wahnsinnigen Spinne, die wir selbst noch füttern. Wir klagen darüber, vor allem aber deswegen, weil wir finden, dass das Leidende uns besser steht. Wir sind eitle Leider, die auf der Bühne die Zustände der Welt anprangern, in der Kantine die Umstände unserer Arbeit verteufeln und daheim im Kokon der Behaglichkeiten schlummern. Wir beneiden jene, die dem Netz entkommen, wünschen ihnen Glück und freuen uns, wenn sie scheitern.

Denn außerhalb dieses Netzes wartet nicht die Freiheit, nur andere Abhängigkeiten und Zwänge, in denen man sich verstrickt. Dort draußen verfolgt einen eine andere Angst. Und natürlich die Gehässigkeit. Von der Freiheit der Kunst träumen wir alle, nur wir gönnen sie niemandem außer uns selbst.

Du wirst Dich stets verbiegen und verleugnen müssen – nicht für Deine Rollen auf der Bühne, sondern für deine Rolle für die Bühne. Oder du bringst ein Naturell mit, dass Dich dem allen gegenüber erhaben macht. Dann wirst Du nicht nur Deinen Weg finden, sondern auf diesem Weg auch Dein Glück. Doch an einem Ort der Schlechtigkeit ist nur der Schlechteste wahrhaft erhaben. Wenn Du an das Theater willst, musst Du ein durch und durch schlechter Mensch sein, moralisch verdorben und skrupellos. Sonst wirst Du dort nicht glücklich.

Ich bin dort nicht glücklich geworden, ich mache bloß weiter aus verzweifelter Gewohnheit. Dir jedoch wünsche ich das Glück und die Güte. Daher, mein Liebes, bleibe dem Theater fern, denn es wird Dich entweder verderben oder vernichten.

In Liebe!
Dein Onkel