DER LETZTE BESUCH

von Michael Masberg


»Ist es nicht gut, draußen an der frischen Luft zu sein?«, fragte meine Begleiterin, deren Namen ich einige Zeit später verlieren sollte. Ich erinnere mich noch an ihre unterrasierten Haare.
»Du hättest diesen Ort vor der Renaturalisierung sehen sollen. Er hat seitdem gewonnen und versucht nicht mehr etwas zu sein, was er nie sein wollte.«
Meine Begleiterin ging nicht weiter darauf ein, sie war solcherlei von mir gewohnt. »Wohin wollen wir gehen?«
»Ich muss etwas erledigen«, sagte ich. »Für einen Freund.«
»Wo wohnt dieser Freund?«
Ich blieb ihr die Antwort schuldig.
Wir gingen durch den Wald, meine Begleiterin dicht hinter mir. Den Bäumen um uns herum glitt die Borke vom Bast. Sie waren keine stolzen Pflanzen, eher kümmerliche Gesellen, die sich ängstlich zusammengefunden hatten. Ich hatte sie anders in Erinnerung. Sie schienen kontinuierlich zu schrumpfen.
Wir kamen an einer besonderen Stelle vorbei und ich hielt an.
»Früher war dies eine Festung«, sagte ich. »Eine bestürmte Bastion, die allen Feinden standhielt, erbaut auf einem unerschütterlichen Fundament, in dem die Mauern wurzelten.«
»Ich sehe nur einen Haufen Steine«, bemerkte meine Begleiterin, und damit hatte sie recht.
Einige Steine, kniehoch in einem Rund aufgeschichtet, umschlossen einen Steinboden, zu dem acht flache Stufen hin-aufführten. Nicht einmal genug, um das Fundament eines Turmes zu sein, dennoch: In meiner Erinnerung wühlten sich aus dem mit Herbstblättern bedeckten Boden weitere Steine, schließlich riesige Quader, schwebten zu dieser Stelle und fanden ihren Platz. Stein auf Stein wuchs der Turm in die Höhe, bald darauf schloss sich die gesamte Festung an.
Die Festung, die ich gleichermaßen bestürmt wie verteidigt hatte.
Ich hätte es meiner Begleiterin zeigen können. Sie war leicht zu beeindrucken. Aber ich war nicht hergekommen, um alte Geister zu beschwören.
»Das ist lange her«, sagte ich stattdessen. Mein Blick wanderte über die Bäume. Für einen kurzen Augenblick erblühten sie in ihrer alten Kraft, und zwischen ihren Stämmen sah ich einen blonden Jungen Schatten jagen.
Meine Begleiterin ging weiter, ich vor ihr her. In meinem Rücken fragte sie: »Wie war es früher?« Ihr Interesse schien mir aufrichtig.
»Es war wie immer: anders. Alles war größer, aber das ist natürlich eine Illusion. Etwas bleibt einem nur so lange groß, bis man etwas Größeres zum Vergleich hat.« Ich drehte mich zu ihr um. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, seit wann sie mich begleitete. »Du bist von hier, oder?«
Sie nickte leicht irritiert. Es fiel mir schwer, sie einzuordnen. Kannte ich sie schon länger, war ich gar mit ihr hierher gekommen? Oder waren wir uns gerade erst im Wald begegnet?
Ich musste mich auf das Gespräch konzentrieren, auch wenn ich mich damit zum Deppen machen würde.
»Willst du fort?«, fragte ich.
»Nein. Früher, als ich jung war, da wollte ich immer weggehen. Aber jetzt nicht mehr.«
Jetzt war es an mir, sie irritiert anzusehen. Sie war jung, allenfalls Anfang Zwanzig.
Es gab mal eine Zeit, da dachte ich wirklich, ich werde alt. Es war, als mich die Begeisterung der Jugend mehr interessiert hatte als meine eigenen Träume. Das hatte sich zum Glück gelegt. In jenem Moment gab mir meine Begleiterin das Gefühl, jünger als sie zu sein.
»Was hat dich hier gehalten?«
»Die Stille«, sagte sie mir. »Mir gefällt es hier.«
Eine Weile gingen wir schweigend hintereinander durch den Wald, seinem Ende entgegen. Er war wirklich nicht groß. Ich hatte andere Wälder gesehen, die diese Bezeichnung auch verdient hatten.
Noch bevor wir das Ende des Waldes erreichten, stellte sie die unvermeidbare Frage.
»Warum sind Sie zurückgekommen?«
»Ich muss etwas für einen Freund erledigen.«
Sie gab sich mit der Antwort zufrieden, hakte nicht weiter nach, aber ich spürte, dass etwas für sie nicht stimmte. Ich nahm es hin.
Der Wald endete. Der Kiesweg, dem wir bisher gefolgt waren, ging über in einen Platz mit Pflastersteinen. Zu unserer Linken erstreckte sich eine verwilderte Wiese. Wieder drängten sich Bilder auf, überlagerten das, was ich sah. Das Gras war akkurat auf eine Länge gestutzt, über ihm hing ein leichter Benzingeruch. Drei Reihen von Obstbäumen standen dort, jeder im genau gleichen Abstand zum anderen. Kräftige Hände hoben einen zerbrechlichen Körper in die Äste. Ein blonder Junge zog sich nach oben, pflückte eine Birne und biss hinein.
Ich fuhr mir über die Lippen, um den Saft vom Mund zu wischen. Meine Hand strich durch den struppigen Bart.
»Kennen Sie noch die Obstbäume?«, fragte meine Begleiterin, als hätte sie meine Gedankenbilder ebenfalls gesehen. »Mein Opa hat mir von ihnen erzählt. Man überließ sie sich selbst und sie wurden von Schädlingen befallen. Man musste sie am Ende fällen, einen nach dem anderen.«
»Die Birnen waren köstlich.«
Ich wandte den Blick von der Wiese. Ihr gegenüber, zu unserer Rechten, stand ein herrschaftliches Haus.
»Wir sind da«, sagte ich.
Die Villa hatte bessere und schlechtere Zeiten gesehen, nun befand sie sich irgendwo dazwischen. Sie war keine Ruine, schien allerdings auch nicht bewohnt. Ich wusste es besser.
Meine Begleiterin schien mich nicht gehört zu haben.
»Es ist traurig, wie das Haus verfällt, nicht wahr? So ein schönes Gebäude. Aber es ist kein Geld da und es findet sich niemand, der es kaufen will.«
»Ich muss da hinein. Deswegen bin ich hier.«
»Man kann nicht hinein. Es ist einsturzgefährdet. Vor zwei Jahren sind ein paar Jugendliche eingedrungen und einer hat sich das Bein gebrochen. Seitdem ist das Haus verrammelt.«
Ich ging trotzdem. Meine Begleiterin machte keine Anstalten, sich mir anzuschließen, also ließ ich sie stehen.
Es war ein repräsentativer Bau, ein Ausdruck industrieller Herrlichkeit, erbaut als Symbol eines aufgestiegenen Bürgertums, das die Geltungssucht überwundener Stände imitierte. Drei Stockwerke, doch schon von außen wirkte jedes Fenster, als würde sich dahinter ein prächtiger Festsaal verbergen. 140 Jahre war dieses Gebäude nun alt, sein ursprünglicher Zweck heutigen Generationen nur noch schwer zu erklären und die aufgestiegene Klasse, die es sich erbaut hatte, lange verschwunden. In ihm spiegelte sich der Aufstieg, der Niedergang und das Vergessen des ganzen Ortes.
Eine geschwungene Treppe führte hoch zu dem Eingang. Meine Begleiterin hatte sich geirrt. Die Tür war nicht verrammelt, sie stand offen. Ich ging hinein.
Lange bevor das Gebäude selbst anfing, zu verfallen, hatte es in sich menschliche Ruinen beherbergt. Hier begann eine Geschichte, die ich nun zu ende erzählen wollte.
Kleine Tiere flohen vor dem Echo meiner Schritte. Wurzeln krochen über dem Boden zurück in die Risse, aus denen sie empor gestiegen waren. Farbe blätterte zurück an die Wände. Ich hörte in der Ferne ein Lachen und folgte ihm. An den hohen Decken entflammten Kronleuchter und erhellten den Stuck.
An leeren Zimmern, in denen vergessene Pflanzen über aufgegebenen Betten wucherten, schritt ich vorbei zum Treppenhaus. Vier oder fünf Personen hätten hier bequem nebeneinander gehen können. Am Fuße der Treppe stand ein Rollstuhl. Ich grüßte ihn wie einen alten Bekannten.
Mein einziger Begleiter beim Aufstieg war der modrige Geruch, der aus dem Keller nach oben drang. Ich erinnerte mich an die wahren und verborgenen Geheimnisse des Kellers, an einen Raum voller Katzenfutter und an ein geschlossenes Fenster, vor dem die Katzen miauten. Es war niemand mehr da, der ihnen das Fenster öffnete, trotzdem waren ihre Futtertröge immer gefüllt.
Im ersten Stock lag in einem Bett ein alter Mann, der achtzehn Jahre lang seine bettlägerige Frau gepflegt hatte. Nun kümmerte sich niemand um ihn. Er lag da und klagte den Geist seiner Tochter an, der nicht gehen wollte, nichts sagte, sondern ihn nur vorwurfsvoll ansah.
Ich ließ ihn in Ruhe. Seinetwegen war ich nicht gekommen.
Im zweiten Stock saß auf einem Stuhl ein Akkordeonspieler und sang alte Volkslieder. Ich warf ihm einige Münzen zu, doch seine Musik wollte mich nicht passieren lassen. Es dauerte, bis ich ihn wiedererkannte. Dabei hatte er sich nicht verändert, nur mein Bild von ihm. Ich ging zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Schön, dass du gewartet hast«, sagte ich zu ihm. »Wir unterhalten uns ein anderes Mal. Ich habe die Geschichte nicht vergessen.«
Seine Musik umarmte mich und ließ mich gehen.
Im dritten Stock fand ich sie. Sie saß in einem Sessel am Fenster und sah hinaus. Das Rot war völlig aus ihrem Haar geflohen. Weiß und dünn stand es vom Schädel, von keinem Kamm zu bändigen. In ihrer Hand lag ein Waschlappen, mit dem sie nichts anzufangen wusste.
Ich nahm eine Schüssel und füllte sie mit Seife und Wasser. Dann ging ich zu ihr und half ihr, sich zu erinnern, wozu der Lappen in ihrer Hand da war. Es dauerte, bis sie verstand, aber ich hatte keine Eile.
Als sie sauber und herausgeputzt war, drehte ich ihren Sessel, nahm einen Hocker und setzte mich ihr gegenüber. Ihre Augen blickten ins Leere. Ich sah sie so lange an, bis sie mich bemerkte, und noch einmal eine Ewigkeit, bis sie mich erkannte.
Schließlich lächelte sie.
»Es ist gut«, sagte sie.
»Ich weiß das. Aber du hast es vergessen.«
»Nein. Das habe ich nicht vergessen. Ich werde gebraucht.«
Es war fatal, aber sie hatte recht.
»Es stimmt«, sagte ich. »Aber es ist gut.«
Dann ließ ich sie gehen, und sie ließ sich darauf ein. Der Akkordeonspieler folgte ihr.
Als ich das Gebäude verließ, war es vollends eine Ruine. Teile des Daches waren schon vor Jahren eingestürzt, dadurch war Regenwasser eingedrungen, das den Schimmel genährt hatte. Es war unbewohnbar, allerdings fehlte für den Abriss das Geld.
Meine Begleiterin war weitergegangen. Ich holte sie mühelos ein. Sie stellte keine Fragen, wunderte sich nicht einmal. Als wäre ich nie fort gewesen.
Ich übergab mich ihrer Führung. Sie brachte mich zu einem anderen Haus, einem modernen, mehrstöckigen Neubau, der dennoch eine wohltuende Behaglichkeit ausstrahlte. Er war mir seltsam vertraut, aber ich wusste nicht woher. Zwei Glastüren glitten geräuschlos zur Seite und ließen uns ein. Wir trafen auf eine andere Frau, die meine Begleiterin zu kennen schien. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie schon einmal gesehen hatte. Die beiden Frauen waren in einem Alter. Ich hörte nicht zu, worüber sie sich unterhielten, denn etwas anderes fesselte meine Aufmerksamkeit.
Ein mannshoher Spiegel. Darin sah ich einen alten Mann, der zusammengesunken in einem Rollstuhl saß. Kein Haar, nur Altersflecken schmückten seinen Schädel. Der Bart war schlohweiß und akkurat gestutzt, wie vor vielen Jahrzehnten das Gras einer nun aufgegebenen Obstwiese. Seine von der Gicht krummen Hände ruhten auf einer karierten Decke, die seine nutzlosen Beine wärmte. Seine Lippen bewegten sich unentwegt, ohne dass eine Laut über sie kam.
Ich lächelte in mich hinein. Das ergab tatsächlich Sinn.
Meine Begleiterin schob mich in mein Zimmer. Sie fütterte und wusch mich. Mit Armen, die viel kräftiger waren als es den Anschein hatte, hob sie mich in mein Bett. Sie zog mir meinem Schlafanzug an und deckte mich zu. Dabei redete sie unentwegt mit mir, obwohl sie nicht wusste, was ich davon verstand. Meine Lippen bewegten sich, ohne etwas zu sagen.
Als sie gegangen war, schloss ich die Augen und dachte zurück an den Tag. Ich hatte erledigt, weswegen ich gekommen war.
Als meine Begleiterin am nächsten Morgen in das Zimmer kam, war ich verschwunden. ♦