ETWAS FEHLT

von Michael Masberg


»Sie werden feststellen, dass wir alles wieder so hergestellt haben, wie es vor der Katastrophe war.« Die Anzugsträgerin händigte ihm die Schlüssel aus. Das breite Grinsen schien ihr ins Gesicht gemeißelt. »Es ist wirklich Ihr Glück, dass Sie bei uns die Rekonstruktionsversicherung abgeschlossen haben. Sonst ständen Sie jetzt vor Trümmern.«
»Es ist wohl eher mein Glück, dass ich nicht zuhause war. Sonst läge ich jetzt in einem Grab.«
Es war nicht als Witz gedacht, doch die Anzugsträgerin quittierte es mit einem ebenso lauten wie falschen Lachen. Dann wünschte sie ihm alles Gute. Er sah ihr nach, wie sie mit geschmeidigen Bewegungen, die die Vorzüge ihres Körpers betonten, ging. Er hatte seine Zweifel, dass sie ein Mensch war. Aufgaben wie ihre überließ man in der Regel Robotern. So, wie sie aussah, hatte er den Verdacht, dass ihr Modell ursprünglich für andere Dienstleistungen konstruiert worden war.
Er schloss die Tür auf. Fünf Wochen waren seit der Katastrophe vergangen, ganz genau sechsunddreißig Tage, in denen er bei Freunden untergekommen war. Er war wirklich einer der Glücklichen. Er lebte, die Containerunterkünfte waren ihm erspart geblieben und er konnte bereits in seine Wohnung zurückkehren. Aber er fühlte sich nicht glücklich.
Die Rekonstruktionsagentur hatte ganze Arbeit geleistet. Als er seine Wohnung betrat, war es, als hätte er sie erst gestern verlassen. Im kleinen Flur standen seine Schuhe und an der Garderobe hingen seine Jacken. Es waren zwar nicht seine Schuhe, nicht seine Jacken, das wusste er. Schließlich waren sie wie alles zu Asche verbrannt. Aber sie sahen so aus. Die perfekte Illusion einer nicht stattgefundenen Katastrophe.
Rechterhand befand sich das Bad und kurz war er versucht, das Waschbecken nach Wasserflecken und Barthaaren zu inspizieren. Obwohl er sonst zu Ordnung neigte, war er in dieser Hinsicht nachlässig. Es wäre der perfekte Test, wie gründlich die Rekonstruktionsagentur wirklich war. Doch er widerstand der Versuchung. Nicht, weil er eine Enttäuschung fürchtete. Es hätte ihn eher erschüttert, vereinzelte, abgeschnittene Barthaare am Rand des Waschbeckens zu entdecken.
Er warf einen Blick ins Schlafzimmer und in den Wohnraum mit der Küchenzeile. Alles war, wie er es in Erinnerung hatte. Dann ging er zurück in den Flur, zog die Schuhe aus, legte seinen Mantel ab – und wusste nicht weiter. Eine große Ratlosigkeit befiel ihn, die bald in Unbehagen umschlug. Etwas fehlte. Es war nicht der Umstand, dass nichts in der Wohnung jemals ihm gehört hatte, obwohl man alle Mühe gegeben hatte, den tröstlichen Schein des Gegenteils zu erwecken. Es waren nicht die möglicherweise wie nachlässig vergessenen Barthaare einer Wochen zurückliegenden Rasur. Es war etwas anderes, nur wusste er nicht, was.
Vielleicht täuschte er sich.
Er ging zurück ins Wohnzimmer und öffnete die Schublade des Fernsehschranks. Selbst das Gras, das er dort aufzubewahren pflegte, hatte die Agentur bedacht. Die immense Summe, die er für den Abschluss der Versicherung hatte zahlen müssen, erwies sich einmal mehr als gute Investition. Mit Gras, Tabak und Blättchen setzte er sich an den Esstisch und drehte sich einen Joint. Er hatte sonst nichts zu tun. Bis er wieder arbeiten konnte, würde es noch Wochen dauern. Das Firmengebäude hatte es besonders schlimm erwischt, die Aufbauarbeiten hatten gerade erst begonnen. Zudem war die Nachfrage nach halluzinogenen Sonnenschirmen saisonbedingt und in Folge der Katastrophe ohnehin nicht groß.
»Was hältst du von offenen Beziehungen?«, echote die Erinnerung an ein Gespräch, das er an diesem Tisch geführt hatte. Eher an einem Tisch, der wie dieser aussah. Es lag länger zurück, als er dachte.
Sie saß ihm gegenüber, ein Amalgam verschiedener Jahre. Ihr war anzusehen, wie sie innerlich mit sich rang. Er ahnte, worauf sie hinauswollte. Sie schaffte es, die Frage so zu stellen, als würde sie sich nicht auf sie beziehen. Als wäre es ihre Neugier an einem allgemeinen Thema, zu dem sie etwas in der Zeitung gelesen hatte.
Seine Reaktion fiel heftig aus. Wie immer in solchen Situationen flüchtete er sich in eine ablehnende Haltung. Darin fühlte er sich sicher.
Der Joint war gedreht, die Erinnerung verschwand. Er ging zum Rauchen hinaus auf den kleinen Balkon, auf dem sich zwei Stühle eng aneinander drängten. Für einen Tisch war kein Platz. Sein Blick schweifte über das Panorama aus Ruinen und Baustellen, aus denen sich die Inseln der verschonten oder bereits wieder aufgebauten Gebäude erhoben. Würde sein Balkon zur anderen Seite hinausgehen, wäre der Anblick erbaulicher. Das Hochhaus, das er bewohnte, befand sich am Rand der Zerstörungszone. Als die Katastrophe eintrat, brannten zwar die Wohnungen aus, das Gebäude war jedoch intakt geblieben.
»Warum tun wir uns das an?« Sie trug den alten Pullover ihres Vaters, den er ihr bei ihrem Aufbruch geschenkt hatte.
»Was meinst du?«, fragte er zwischen zwei Zügen am Joint. »Warum wir hier sind? Oder uns beide?«
»Warum sind wir hier?«
»Ebenso könntest du fragen, warum überhaupt Menschen hier sind. Weil es möglich ist. Und weil es etwas Besonderes ist. Es ist ein alter Traum und wir sind die Privilegierten, ihn zu leben.«
Sie schürzte ihre Unterlippe. Ihre Hand griff nach dem Joint, doch bevor er ihn ihr reichen konnte, zog sie sie bereits zurück.
»Wir fallen immer auf unsere Träume herein. Ich glaube, das ist unser Verhängnis. Ich weiß nicht mehr, warum ich hergekommen bin.«
Er versuchte es mit einem Lächeln. »Sieh es so: Wären wir nicht hergekommen, hätten wir uns vielleicht verpasst.«
Ihre Erwiderung darauf hatte er vergessen.
Der Joint war aufgeraucht. Darüber war die Sonne untergegangen. Hinter ihm schalteten sich die automatischen Lichter ein. Er ging wieder hinein.
Als er sich auf das Sofa fallen ließ, angenehm benommen von dem Gras, fragte er sich, wie die Agentur es fertig gebracht hatte, dass es genau an den richtigen Stellen durchgesessen war. Benutzten sie dafür spezielle Maschinen oder hatten sie einen Doppelgänger engagiert, der innerhalb der wenigen Wochen sein Leben und seine Gewohnheiten studiert und nachgeahmt hatte? Er war sich sicher, dass das in der kurzen Zeit überhaupt nicht möglich war. Oder gab es jemanden, der sein Leben seit dem Tag lebte, an dem er die Rekonstruktionsversicherung abgeschlossen hatte? Einen Doppelgänger, der Tag für Tag jeden Handgriff in einer nachgebauten Wohnung wiederholte, um die Wiederherstellung so authentisch wie möglich zu machen? Je mehr er sich diese Vorstellung ausmalte, desto sinniger wurde sie für ihn.
Er fragte sich, was aus dem Doppelgänger geworden war, jetzt, wo er seinen Zweck erfüllt hatte. Gleich am nächsten Tag wollte er seinen Versicherungsvertrag erneuern.
Er drehte den Kopf und sah sein Gesicht im Doppelglas des Fensters zweifach reflektiert. Obwohl er wusste, dass es nur sein Gesicht sein konnte, war es ihm seltsam fremd. Das Doppelgesicht sah ihn an und gleichzeitig belauerte es sich selbst. Die hintere Reflexion erschien ihm wie ein Geist aus der Vergangenheit, der bedauerte, dass sich für sein zukünftiges Selbst nichts verändert hatte. In den vier Augen lag eine traurige Sehnsucht.
Plötzlich sprang er auf. Die Leere in seiner Wohnung übermannte ihn. Er riss die Fenster auf, weil er glaubte, nicht mehr atmen zu können. Etwas fehlte. Etwas, das ihr Fehlen erträglich gemacht hatte. Und er hatte einen schrecklichen Verdacht, was es war.
Hektisch wühlte er sich durch seine Wohnung. Er riss Schubladen und Schränke auf und verteilte den Inhalt auf dem Boden. Er blätterte durch Bücher und Ordner, entleerte Kisten, verrückte das Sofa und sah selbst im Kühlschrank nach. Er zerstörte die Ordnung, mit der die Agentur seine Wohnung akribisch wiederhergestellt hatte.
Am Ende wusste er, dass es nicht da war. An einer entscheidenden Stelle hatte die Agentur versagt, dieses eine Detail hatte sie übersehen. Es fehlte. Doch als er weinend auf dem Boden saß, inmitten seines rekonstruierten Besitzes, wusste er, dass es keinen Unterschied gemacht hätte, wäre der Agentur dieser Fehler nicht unterlaufen.
Es war fort.
Am nächsten Tag kaufte er sich einen kleinen Bilderrahmen und stellte ihn auf den Fernsehschrank. Der Rahmen blieb leer.
Aber nicht für ihn. Deutlich sah er das Polaroidfoto. Es zeigte sie beide. Sie lehnten aneinander wie Figuren aus einer anderen Zeit. Sie waren glücklich.
Es war lange her. ♦