FRITZ

eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet
von Michael Masberg


»Gerda, ich habe mich gefragt, ob du diesen Barhocker brauchen kannst.«
In der Tür zur Ruhrstube stand ein älterer Herr, über Sechzig, vielleicht auch älter. Er kleidete sich, wie sich ältere Herren kleideten. Eine ockerfarbene Jacke, die nicht schlecht saß, aber auch nicht gut. Eine dunkelblaue Hose, zur Hüfte hochgezogen und von Bauch und Hosenträgern oben gehalten. Dazu ein gestreiftes Hemd. Die weißen Haare waren akkurat zur Seite gekämmt, die Wangen sauber rasiert.
Und in einer Hand hielt er einen Barhocker.
Die Männer in der Ruhrstube sahen nicht auf. Gerda seufzte.
Es war Frühshoppen. Die Ruhrstube war wie immer gut gefüllt, etwa zehn Männer saßen am Tresen, einer am Tisch. Männer, die seit vierzig Jahren hierher kamen. Der Spielautomat blinkte, und durch die trüben Butzenglasfenster schimmerte die Sonne.
Es war nicht das erste Mal, das ich ihn hier sah.
»Danke. Keinen Bedarf«, sagte Gerda.
Es schien eine naheliegende Frage, ob eine Kneipe wie diese einen Barhocker brauchte. Wir alle saßen auf einem. Außer Gerda. Und der Mann am Tisch.
»Er ist noch gut. Ein guter Hocker«, sagte der Mann, und wie zum Beweis schlug er mit der flachen Hand auf die Sitzfläche. »Ich hab noch ein paar mehr.«
»Trink einen.« Gerda stellte ihm an der Stelle von der Theke, an der er immer saß, ein Bier hin und schenkte ihm einen Klaren ein. Der Mann setzte sich – wie um zu zeigen, wie gut er wirklich war – auf seinen mitgebrachten Hocker.
»Wer zur Hölle ist das?«, raunte ich Kurt zu.
»Fritz«, sagte Kurt, der über alles Bescheid wusste. »Unser Fritz.« Damit war alles gesagt. Karl, der mit der Stirn auf dem Tresen schlummerte, hob nicht einmal den Kopf.
Mit großer Konzentration griff Fritz nach dem Pinnchen, führte es zu den Lippen und trank es in zwei ruhigen Schlücken zur Hälfte aus. Er stellte es ab und widmete sich dem Bier. Wäre nicht die Sache mit dem Barhocker gewesen, er wäre mir nicht weiter aufgefallen. Er war wie die anderen alten Herren, die morgens in der Ruhrstube saßen. Seit vierzig Jahren gab es die Kneipe schon – darauf machten selbstgedruckte Schilder im Fenster und an der Tür aufmerksam –, und seit vierzig Jahren kamen sie . Als sie so alt waren wie ich, kamen sie nach der Zeche hierher, um den Kohlestaub aus den Kehlen zu spülen. Heute kamen sie aus Gewohnheit.
Hätte ich Arbeit, wäre ich vielleicht auch zum Feierabendbier hier. Hatte ich aber nicht, also war ich einfach so da.
Ich konnte den Blick nicht von Fritz lassen. Die meisten starrten vor sich oder auf den Schrein mit den Heiligenbildchen vergessener Schlagerstars. Es gab nur vereinzelte, gemurmelte Gespräche, im Hintergrund lief dezent Musik, jemand summte mit. Ich saß zwischen Kurt – das Gespräch zwischen uns war bereits versandet – und Karl – der den Kopf immer noch auf dem Tresen bettete –, die Zeitung vor mir. Und konnte die Augen nicht von Fritz lassen. Etwas an ihm weckte Erinnerungen in mir, wie er dort saß, mit leicht abwesendem Blick und dem gekämmten Haar, auf dem Hocker, den er selbst mitgebracht hatte, ganz vertieft in das Herrengedeck vor ihm.
Dann fiel es mir plötzlich ein: Es war mein Onkel.
Als Kind bin ich in einer Siedlung ähnlich wie dieser hier aufgewachsen, nur dass die Häuser früher alle noch grau waren. Kurz vor der Zeit, als neue Leute hinzugezogen sind, die niemals unter Tage waren. Die Vorbesitzer waren mit ihrer Rente und ihrem Ersparten in den Süden geflohen oder geblieben, bis man sie ins Heim steckte oder sie ihre letzte Fahrt untertage antraten. Die neuen Leute – Erben oder Neureiche mit einer Sehnsucht nach Zechenromantik – verkleideten die grauen Häuser neu, bauten sie aus und um. Da war es dann mit der Nachbarschaft vorbei und die Zurückgebliebenen, die ihre solide Rente nicht in den Süden getragen hatten, machten mit.
Mein Onkel war in seiner Straße am Ende der letzte seiner Art gewesen. Von außen hatte man das seinem Haus nicht mehr angesehen, da war der Stolz davor, innen war die Zeit jedoch stehen geblieben. Im Haus und in meinem Onkel.
Ich hatte ihn zum Schluss nur noch selten besucht, schließlich wohnte ich da bereits nicht mehr in der Stadt, und irgendwie hatten wir uns auch seit Jahren nichts mehr zu erzählen. Was nicht ganz stimmt: Er hatte mir viel zu erzählen, allerdings waren es immer die gleichen Geschichten.
Ich erinnerte mich an den letzten Besuch. Es war eher zufällig. Ein Schulfreund hatte geheiratet, ich war in der Gegend, und aus einer Laune heraus dachte ich mir: Schaust du mal vorbei. Mein Onkel lebte seit vier Jahren alleine, seitdem meine Tante gestorben war. In der Zeit hatte ich ihn vielleicht fünf-, sechsmal gesehen. Als er die Tür öffnete, erschrak ich. Mein Onkel war immer ein gepflegter Mann gewesen – wie unser Fritz –, doch er stand vor mir mit zerzaustem Haar, in Jogginghose und Unterhemd. Und mit Bartstoppeln. So lange wie ich meinen Onkel kannte, hatte ich ihn nie unrasiert gesehen. Selbst wenn wir früher mit der ganzen Familie in den Urlaub geflogen waren, hatte er sich erst rasiert und gekämmt, bevor er an den Frühstückstisch gekommen war.
Es schien etwas zu dauern, bis er mich erkannte, dann führte er mich hinein und schlurfte durch das Museum, in dem er lebte. Es hatte sich seit dem letzten Mal nichts verändert, nur der strenge Geruch, der über allem lag, hatte zugenommen. Das Wohnzimmer sah immer noch so aus, wie zu meiner Kindheit. Derselbe türkische Teppich, auf dem Geparden Rehe jagten und auf dem ich als Kind gespielt hatte. Derselbe gekachelte Wohnzimmertisch, um den sich die Sofas und der Sessel gruppierten. Die Bezüge waren schon seit Jahrzehnten durchgescheuert, doch konnte man das unter den Tagesdecken nicht sehen.
Ich nahm auf einem Sofa Platz, zwischen Kissen mit gehäkelten Bezügen, die meine Mutter irgendwann gefertigt hatte, als ich zwanzig Jahre jünger war. Mein Onkel saß im Sessel, die Hände auf den Armlehnen, wie die Statue eines antiken Königs. Vor vier Jahren noch hatte er dort nie gesessen. Es war der Sessel meiner Tante, niemand anderes saß dort. Um uns herum, auf den Tischen und in den Regalen, standen die Statuen aus Messing, die Bergleute in verschiedenen Posen zeigten. Sie blickten mit den gleichen leeren Augen, mit denen auch mein Onkel mich ansah. Augen aus der Vergangenheit.
Wir sahen uns an, jedenfalls glaubte ich, dass er mich ansah, und sagten nichts. Das Pendel der Stehuhr im Esszimmer nebenan schlug bis hierhin hörbar aus. Meine Tante war eine leidenschaftliche Köchin gewesen, auch wenn sie sich sonst für nichts außer Nachbarschaftstratsch interessierte. Sie hatte ihren Stuhl am Fenster gehabt, direkt neben dem Herd, das Kissen lag immer auf der Fensterbank griffbereit. Der Stuhl stand immer noch am Fenster, das hatte ich im Vorbeigehen gesehen.
Früher hatte es hier im Haus, das nun so drückend leer war, rauschende Feste gegeben. Wir waren mal eine große Familie, bis sich alle zerstritten hatten. Die ganze Straße war eingeladen gewesen, und alle waren gekommen. Bis auch sie sich zerstritten hatten und nur noch über Anwälte miteinander sprachen. Bis die anderen fortgezogen oder gestorben waren.
»Willste wat trinken?«, fragte mein Onkel.
»Bleib sitzen, ich hole mir selbst etwas.«
Es dauerte, bis ich ein Glas gefunden hatte, das ich benutzen wollte, und das spülte ich erst einmal. Eine innere Stimme riet mir davon ab, in den Kühlschrank zu schauen, daher begnügte ich mich mit Wasser aus dem Hahn. Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, hatte mir mein Onkel einen Untersetzer auf den gekachelten Wohnzimmertisch gelegt. Es war ein verblichenes, gelbes Stück Pappe, das sie sich irgendwann vor dreißig oder vierzig Jahren hatten drucken lassen. Nirgendwo schmeckt das Bier so gut wie hier, stand darauf in verschnörkelter Schrift.
Hinter dem Sessel, auf dem mein Onkel saß, als hätte er sich nicht bewegt, obwohl der Bierdeckel auf dem Tisch das Gegenteil behauptete, führte eine Glastür auf die Terrasse, die angelegt worden war, als die Nachbarn links und rechts sich eine Terrasse gebaut hatten. Irgendjemand schien sich ein Zubrot zu verdienen, indem er meinem Onkel den Rasen mähte. In einem Blumenbeet ohne Blumen stand ein Kohlenwagen, randvoll mit Erde, allerdings auch ohne Pflanzen. Der kleine Gartenteich hatte sich in einen Tümpel verwandelt, und ich hatte kein sonderliches Interesse daran, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Dahinter stand die Gartenlaube, ein weiteres kleines Museum mit Bergbaudevotionalien.
Mein Onkel blinzelte und sah mich unvermittelt direkt an. »Du bist doch ein Studierter. Ich hab da mal ne Frage.« Mein Onkel, der in dem alten, durchgesessenen Sessel saß, auf einer Decke, die neu gewesen war, bevor ich geboren wurde, inmitten der Statuen aus Messing und Bronze und der gravierten Kohlestücke, die wie Pokale und Trophäen in den Schränken vor sich hinstaubten, beugte sich vor.
»Wat is ne Grubenlampe?«
Unser Fritz hatte mittlerweile sein Bier ausgetrunken, ohne Eile und mit großer Sorgfalt. Er nahm das Pinnchen auf und trank den Rest des Klaren aus, wieder mit zwei langsamen Schlücken, zwischen denen er das Glas kurz von den Lippen nahm.
»Noch eins?«, fragte Gerda von ihrem Platz aus. Als Antwort legte Fritz den Bierdeckel auf das Glas.
»Ich muss heim.«
Er stand auf, wankte etwas und richtete seine Jacke. Kurz ließ er den Blick durch die Ruhrstube schweifen, dann klopfte er zweimal mit der Faust auf den Tresen. Einige der anderen Männer murmelten etwas.
Damit wandte er sich zum Gehen, ohne zu zahlen, wie es die meisten taten. Nahezu jeder hier hatte seinen Deckel und seinen festen Tag, an dem er ihn beglich oder um Aufschub bat.
»Fritz!«
Der alte Mann blieb in der Tür stehen, sah sich um, wer ihn gerufen hatte, und blickte dann zu Gerda.
»Du hast deinen Hocker vergessen.«
»Meinen Hocker«, sprach er, als würde er diese Wörter das erste Mal benutzen. Er starrte auf den Hocker, auf den er bis eben noch gesessen hatte, und man konnte dem Begreifen zusehen, wie es langsam in sein Bewusstsein kroch. Dann lächelte er, als hätte er einen plötzlichen Einfall gehabt.
»Kannst du ihn brauchen?«
»Nein, Fritz. Ich habe genug Hocker. Nimm ihn mit.«
Fritz, unser Fritz, nickte langsam, ging die paar Schritte zurück, griff sich seinen Hocker und ging mit ihm nach draußen.
»Der kommt wieder«, murmelte Kurt.
Ich sah Fritz hinterher und dachte an meinen Onkel.
So wollte ich nie enden. Und jetzt saß ich hier in der Ruhrstube, einer von einem Dutzend Gestrandeter, kannte alle ihre Geschichten und stellte mit einem Mal fest, das meine eigene sich kaum von ihren unterschied.
Ich trank mein Bier aus, zahlte, verabschiedete mich von Gerda, klopfte Kurt wortlos auf die Schulter und ging. Als ich an der Tür war, hob Karl den Kopf.
»Bin ich immer noch hier?« ♦