GOLDFISCHE

von Michael Masberg


Man nannte es das Aquarium.
Genau genommen war es eine Art Wintergarten, ein überdachter Vorraum mit einer breiten Fensterfront. Der Blick nach draußen endete jedoch nach zwei Metern in wild wuchernden Rhododendronsträuchern. An zwei Wänden reihten sich geflochtene Korbsessel wie im Wartezimmer eines Arztes.
Die Leute, die hier tagtäglich saßen, warteten jedoch nicht auf den Arzt. Die meisten zumindest.
An jenem Tag saß nur eine Frau dort. Margarete war sechs-undsiebzig Jahre alt. Sie hatte sich in ihrer besten Sonntagsgarderobe herausgeputzt und in den zweiten Sessel neben dem Eingang gesetzt. Im ersten Sessel zog es ihr zu sehr, aber von hier hatte sie noch einen schmalen Blick am Rhododendron vorbei auf die schmale Auffahrt mit den Rundsteinen, die im Winter für allerlei Stürze und gebrochene Hüften sorgten.
Margarete schaute nach draußen und wartete auf den Spielmannszug.
Die Büsche mit den dunkelgrünen Blättern erinnerten sie an einen feschen Soldaten namens Rudy Devron, der ihr den Hof gemacht hatte. Sie wusste nicht, wie lange das her war und was dies mit dem Spielmannszug zu tun hatte, aber sie fragte sich, was aus Rudy geworden war. Vielleicht spielte er jetzt in der Kapelle – das wäre wirklich eine Überraschung! Sein Mundharmonikaspiel hatte ihr die Trümmernächte erwärmt. Wenn doch nur endlich der Spielmannszug käme und sie Gewissheit hätte!
Sie wird ihn doch nicht verpasst haben?
Die Tür nach draußen glitt auf und an dem Aquarium eilte ein junger Mann vorbei, der sie an irgendjemanden erinnerte, jedoch nicht an einen Musiker. Sie wollte ihn fragen, ob er etwas von dem Umzug wüsste, doch bevor sie ihre Frage formulieren konnte, war er schon wieder verschwunden.
Margaretes Blick fiel auf die Zeitung, die auf dem einzigen Tischchen lag.
Donnerstag, las sie, gefolgt von einem Tag im November. Beides ergab keinen Sinn. Mit dem Wochentag mochte sie sich  manchmal irren, aber dass es Mai war, wusste sie mit klarer Gewissheit. Schließlich sollten wie Spielmänner heute kommen.
Sie kam daher zu dem Schluss, dass die Zeitung hoffnungslos veraltet war. Seit einem halben Jahr lag sie nun hier und niemand hatte sie weggeräumt. Was für ein Haus! Aus Protest entsorgte Margarete sie ebenfalls nicht.
Wie stets, während sie wartete, verlor Margarete die Zeit. Ihren Uhren traute sie nicht. Wenn sie schlief, schlich sich jemand in ihr Zimmer und verstellte ihre Uhren. Einmal hätte sie den Missetäter auf frischer Tat ertappt, doch sie kam nicht schnell genug aus ihrem Bett. Sie hörte nur noch seine fliehenden Schritte.
Da sie also ihren Uhren nicht trauen konnte, traute sie ihrem Schlaf. Wenn sie aufwachte, war ein neuer Tag.
Doch wie dunkel es an diesem Morgen für die Jahreszeit war. Es würde hoffentlich kein Unwetter aufziehen. Die Vorstellung, dass der Spielmannszug abgesagt werden würde, stimmte Margarete traurig.
Herbert kam in das Aquarium geschlurft, verlottert wie immer, mit einem fleckigen Pullover über den ausgeleierten Hosenträger, die nur notdürftig die Hose oben hielten. Seine Füße stecken in zwei unterschiedlichen Pantoffeln. Margarete rümpfte die Nase. Sie konnte nicht verstehen, wie man sich so gehen lassen konnte.
Sie erinnerte sich an ein schönes Haus mit Blick auf die Allee und einem Garten, der sich zum Wald hin erstreckte. Es war ihr Haus gewesen, doch sie hatte es verloren wie die Zeit. Soldaten – andere Soldaten als Rudy – waren gekommen und hatten es ihr weggenommen. Nun musste sie in dieser kleinen Wohnung leben, in der nachts ein Fremder ihre Uhren verstellte.
Herbert ließ sich schwerfällig in einen der Korbsessel fallen und starrte auf den Rhododendron. So saßen beide da und schwiegen.
»Wartest du auch auf den Spielmannszug?«, fragte Margarete schließlich in der Hoffnung, Herbert hätte etwas anderes zu tun und würde bald verschwinden.
»Hä?!«
»Der Spiel-manns-zug. Wartest du auf die Mu-sik?«
Herbert kratzte sich am Bauch und überlegte. »Gleich gibt es Abendessen.«
Margarete kicherte über seine Dummheit. »Es ist noch nichtmal Mittag.«
»Hä?!«
»Mit-tag. Gleich ist erst Mittag.«
Zum ersten Mal sah Herbert sie an. Überraschung und ein Anflug von Panik stand in seinen Augen. Er wollte etwas sagen, doch er vergaß die Worte, bevor sie seinen Mund erreicht hatten. Er starrte wieder auf den Rhododendron.
»Wie geht es uns?«, fragte eine dralle, junge Frau mit viel zu grell geschminkten Wangen. »Sie haben sich aber fein gemacht, Frau Jakobi. Haben Sie eine Verabredung?«
Margarete gefiel es, dass der fremden Frau ihre Aufmachung aufgefallen war.
»Ich warte auf den Spielmannszug«, sagte sie.
»Welcher Spielmannszug?«
Margarete deutete nach draußen, an einen Ort, der weit jenseits des Rhododendrons lag, irgendwo in einer anderen Zeit.
»Der Umzug zieht heute hier vorbei. Die Spielleute ziehen die Straße hinunter, und die Federbüsche auf ihren Hüten wippen mit jedem Schritt. Die Knöpfe an ihren Jacken sind poliert und glänzen in der Frühlingssonne. Vorweg hüpft der Stab mit den grünen und weißen Bändern auf und ab und hinter ihm wirbeln die Trommeln. Wenn man ganz nahe steht, kann man die Schläge der Pauke in seinem Bauch spüren. Es ist ein Kribbeln, wie wenn man frisch verliebt ist. Nur bei den Becken, da halte ich mir die Ohren zu. Aber dann kommen die Flöten. Es ist der schönste Anblick, zu sehen, wie die Finger der Männer wie Ballerinas über die Flötenlöcher tanzen.« Sie lächelte. »Vielleicht wird Rudy dieses Mal dabei sein. Ich habe so lange nicht mehr an ihn gedacht. Aber ich glaube, er spielt auch Trommel. Er war ja schließlich Soldat, da lernt man das Trommeln. Einmal führte er mich zum Tanzen aus, ganz –« Sie senkte die Stimme. »– amerikanisch. Ich habe getanzt, wie ich noch nie getanzt habe. Mama war ganz böse auf mich, aber es war eine so schöne Nacht. Und er wusste sich zu benehmen, hat mich nicht angefasst oder andere grobe Dinge. Nur einen Kuss auf die Wange hat er mir gegeben, als wir uns verabschiedet haben. Er wollte Musiker werden und hier bleiben. Jetzt spielt er sicherlich in der Kapelle. Da – hören Sie?«
Ein Ton hatte Margarete aufgeschreckt, wie das Echo einer Flöte. Sie sah sich um und stellte fest, dass sie alleine war. Die Frau war verschwunden, Herbert ebenfalls. Nur sein strenger Geruch hielt sich noch im Aquarium auf.
Margarete blieb sitzen. So saß sie da, in ihrem dunkelblauen Kostüm und mit dem Blumenhut, den sie so sehr mochte, das Gesicht dezent geschminkt und die Handtasche auf dem Schoß. Eine stilvolle, würdige Erscheinung, bis in das letzte Detail geschmackvoll abgestimmt. Sie saß und wartete.
Der Spielmannszug kam nicht. Dafür die Schwester, die sie in den Speisesaal zum Abendessen führte.
Als sich Margarete zum Schlafen legte, hatte sie den Spielmannszug vergessen. Nicht jedoch den Übeltäter, der nachts ihre Uhren verstellte. Sie schlief ein, bevor er sich in ihre Wohnung schlich. ♦