IRGENDWIE IST ALLES GUT

von Michael Masberg


Jahre nachdem der Förderturm, der eine zufällige Ansammlung von Gehöften zur Stadt gemacht hatte, stillgelegt und zerlegt worden war – damit Jahrzehnte bevor diese zufällige Stadt sich entschloss, wieder ein Dorf zu werden –, hatte jemand die Idee, einen Park anzulegen und an die Erinnerung glorreich-dreckiger Zeiten dort eines der Förderräder aufzustellen. Jahre bevor man sich entschloss, diesen Park zu planieren, ihn an eine namhafte Supermarktkette zu verkaufen und das Förderrad einzuschmelzen, hatte der Park mit seinen zugeschissenen Grünflächen, dem verdreckten Spielplatz und den morschen Bänken seinen Ruf weg als Treffpunkt der Säufer und Verlorenen. Tagtäglich versammelten sich hier die Allwettertrinker, um das, was von ihrem Verstand geblieben war, in billigem Rotwein und Dosenbier zu ertränken. In diese vergangene Zeit fällt der Tag, der zufällig wichtig für eine Geschichte wurde, an die sich niemand mehr erinnert.
Wie an jedem anderen Tag der vorhergehenden und nachfolgenden Jahre versammelten sich die Berufstrinker der Stadt am Fuß des Förderraddenkmals. Unter ihnen war Mark, der das Vergessen nicht mehr suchen musste. Er lebte im berauschten Jetzt. In dem Augenblick, in dem die vergessene Geschichte beginnt, fiel sein Blick durch weingetränkte Schleier auf Jochen oder vielmehr: auf Jochens Stirn. Es war Sommer und die Sonne beschien über dem linken Auge ein wucherndes Furunkel, das größer war als ein Daumennagel. Mark wusste nicht mehr, wie lange er diesem Eitersack schon beim Wachsen zuschaute. Es kümmerte ihn auch nicht. Vielmehr beschäftigte ihn die Vorstellung, seine Faust auf Jochens Stirn prallen zu lassen. Nicht, weil Jochen ihm krumm gekommen war, sondern weil er sehen wollte, wie das Furunkel unter der Wucht seiner Knöchel aufbrach. Er wollte hören, wie die Haut riss, und sehen, wie sich der Eiterschwall über Jochens Gesicht ergoss, ihm in die Augen floss und sich in den Bartstoppeln verfing.
Obwohl er schon seit geschlagenen Minuten seine rechte Hand zur Faust ballte und wieder öffnete, kam Mark nicht dazu, sein Vorhaben umzusetzen. Christa, dieser wandelnde Seuchenherd von Frau, reichte ihm den Weinkarton und nach drei tiefen Schlücken des sauren Rebensaftes hatte Mark das Furunkel vergessen. Seine geröteten Augen hingen nun an Christas schweren Brüsten, die sich gegen den dunklen Stoff ihres Trägershirts stemmten. Es wäre mal wieder an der Zeit, dachte Mark und leckte sich die Lippen, bis ihm einfiel, dass Christa sich zur Zeit von Ingo ficken ließ. Christa wäre das egal, wenn sie genug getrunken hatte, konnte sie ohnehin nicht den einen Schwanz von dem anderen unterscheiden – dann ging es ihr einzig um die Sache an sich. Aber Ingo war es nicht egal, wie er es erst irgendwann, vermutlich vor kurzem, bewiesen hatte, als er Jochens Bruder Axel ins Krankenhaus geprügelt hatte. Niemand nahm es Ingo übel. Axel war einfach so dumm gewesen, sich erwischen zu lassen.
»Irgendwann wird alles gut«, murmelte jemand. Die Worte verfingen sich in Marks Gedanken und entzündeten dort ein flammendes Menetekel. Warum klang dieser zusammenhanglos dahingerotzte Satz so unheilschwanger? Es ist alles gut, gab Mark als Antwort, ohne zu merken, dass sie seinen Kopf nicht verließ. Aus dem Sumpf seines Rausches erhoben sich untote Erinnerungen, Wiedergänger aus der Vergangenheit, und mit ihnen ein Leben, das er einst aus freien Stücken abgelegt hatte. Zumindest glaubte er daran. Da war ein Haus mit schmutzigrotem Dach und neu geklinkerter Fassade, dessen Hypothek jeden Pfennig verschlang, den er ihr zuwarf. Auch das Geld, das er zurückhalten wollte. In dem Haus wohnte eine Frau mit einem großen Herzen, die für jeden Zuneigung empfand, nur nicht für ihn. Im oberen Stockwerk gab es zwei Zimmer, eines gehörte dem Jungen, eines dem Mädchen. Beide Kinder waren ihm schon lange, bevor er ausgezogen war, fremd geworden. Er hatte einen Job besessen, der ihn ebenso aufgefressen hatte wie die Hypothek sein leidlich verdientes Geld. Fremde Menschen mit fremden Leben, die gegen alles mögliche versichert werden mussten. Verlorene Schlüssel, ausgelaufene Waschmaschinen, brennende Kühlschränke, brennende Kinder, gestohlene Autos, eingestürzte Dächer, sogar der Tod wurde versichert. Geld für ein beendetes Leben. Ein selbstverschuldeter Tod kostete extra. Mark hatte mit Sicherheiten gehandelt, mit einer trügerischen Lüge. Er hatte den Menschen fünf Meter hohe Dämme gegen zwanzig Meter hohe Springfluten verkauft. Bis er eines Tages seine eigenen Dämme zum Einsturz brachte und sich von den Wassermassen fortreißen ließ. Seitdem war alles gut.
Bis auf eine Sache, doch die ließ sich beheben. Er erhob sich von dem Steinfundament des Denkmals. »Wohin gehst du?«, fragte Christa mit einem lüsternen Glanz in ihren Augen. Mark warf einen vorsichtigen Blick zu Ingo, doch der war in eine energische Diskussion mit Jochen vertieft, deren Thema sich Mark nicht erschloss. Sie schien sich vor allem darum zu drehen, wer von beiden recht hatte. »Schnaps holen«, sagte Mark und machte sich damit zum Helden der Trinkergemeinschaft.
Sein Weg führte ihn vorbei an dem Spielplatz, in dessen Sand weiße, braune und grüne Glassplitter in der Sonne schimmerten, an einer fleckigen Bank, auf der es sich ein Rentnerpaar aus dem nahegelegenen Altenheim gemütlich gemacht hatte, und durch eine lärmende Gruppe türkischer Kinder, die ihm etwas zurief, das er nicht verstand. Mit jedem Schritt verengte sich seine Wahrnehmung, bis er durch einen schmalen Tunnel wankte. Das Schicksal meinte es gut mit ihm: Die Fußgängerampel sprang in dem Moment auf Grün, als er sie erreichte, so dass er nicht anhalten musste, um die Straße zu überqueren. Auf der anderen Seite befand sich die Filiale jener namhaften Supermarktkette, die sechzehn Jahre später den Park mit dem Förderraddenkmal kaufen sollte, um ihn zu planieren. Mark ahnte freilich nichts von diesem Schicksal, noch wusste er, dass der Supermarkt, den er mit wankenden Schritten betrat, dereinst ein Casino sein würde. Und am allerwenigsten war ihm bewusst, dass er all dies nicht mehr erleben würde.
Sein Ziel, das Spirituosenregal, lag am Ende eines vertrackten Labyrinths aus Lebensmitteln, Haushaltsartikeln und Sonderangeboten. Andere Kunden hielten Abstand zu ihm, doch die Abscheu in ihren Blicken bekümmerte Mark nicht. In einzelnen glaubte er ehemalige Klienten zu erkennen, denen er unnütze Versicherungen aufgeschwatzt hatte, in die sie immer noch artig einzahlten, um die Lüge aufrechtzuerhalten, auf alles vorbereitet zu sein. Erkannten sie ihn ohne den dunkelblauen Anzug, ohne die sauber rasierten Wangen und ohne den ledernen Aktenkoffer mit den sorgfältig vorbereiteten Unterlagen? Und hätten sie ihn erkannt, hätte sich ihr Ekel vor seiner Erscheinung nicht in blanke Angst wandeln müssen? Der Mann, der ihnen die Sicherheiten verkauft hatte, die sie ruhig schlafen ließen, hatte selbst alle Sicherheiten abgelegt. Mark wollte ihnen ins Gesicht lachen, nicht aus Häme, sondern aus dem Glücksgefühl ungezwungener, zügelloser Freiheit heraus. Zwischen Cornflakes und Marmelade erlaubte er sich ein kleines Tänzchen.
So gelangte er zu den Spirituosen und griff beherzt zu der Flasche Korn. Soviel musste drin sein, und da ihn das innere Glücksgefühl weiterhin beschwingte, tänzelte er einige Regale zurück und ergänzte seinen Einkauf um zwei Pakete billiger Orangenlimonade, deren Hauptbestandteil Zucker war. So ausgestattet reihte er sich in die Schlange an der Kasse ein, vor sich einen dünnen Jungen von zwölf Jahren, hinter sich eine alte Frau mit blonder Dauerwelle und dritten Zähnen. Weder sie noch Mark erkannten sich, obwohl er ihr wenige Jahre vorher gegen den Widerstand ihres Neffen eine überzogene Zahnversicherung angedreht hatte. Die Frau, die sich regelmäßig mit simulierten Leiden Kuren verschreiben und sich dort von rüstigen Verehrern aushalten ließ, war zu angewidert von dem Anblick, um den Mann vor ihr genauer in Augenschein zu nehmen. Mark wiederum nahm sie gar nicht erst wahr, denn der Junge fesselte seine Aufmerksamkeit. Wie er da gedankenverloren in der Schlange stand, die dünnen Arme an den Seiten hängend und die Schultern eingesunken, ging eine traurige Unruhe von ihm aus. Er schien nur vage wahrzunehmen, was um ihn herum vor sich ging. Sein Blick war woanders, und was immer er dort sah, es schien dem Jungen Angst zu machen. Hätte er nicht selbst auf wankenden Beinen gestanden, Mark wäre sich sicher gewesen, dass der Junge zitterte. Als müsste er seine ganze Kraft aufwenden, um nicht unter einer gewaltigen Last aus Furcht, Sorgen und Trauer zusammenzubrechen. Mark wusste nicht viel über Kinder, das er hatte er mit der misslungenen Erziehung seines eigenen Nachwuchses bewiesen. Aber von soviel war er überzeugt: Kinder sollten nicht so traurig sein.
Vor dem Jungen war nur noch eine Frau an der Reihe, eine gebeugte ältere Dame, die Mühe hatte, ihre Einkäufe in der Geschwindigkeit zu verpacken, wie sie die Kassiererin über den Scanner zog. Die Kassiererin war so fett, dass es undenkbar schien, dass sie ihren engen Platz je verließ. Es schien ihr nicht schnell genug zu gehen, und dies setzte ihre Kundin noch mehr unter Druck. »Geben Sie schon her«, schnauzte die Kassiererin die ältere Dame an, die sichtlich überfordert war, ihr Geld aus dem Portemonnaie zu nehmen. »Jetzt seien Sie doch nicht so unfreundlich«, sagte Mark. »Kriegen Sie eine Prämie für jeden abkassierten Kunden oder warum haben Sie es so eilig?« Der Junge vor ihm sah erschrocken auf, als würde er erst jetzt bemerken, was um ihn herum vor sich ging. Und plötzlich huschte ein scheues Schmunzeln über sein Gesicht, das er eilig versuchte wieder einzufangen. »So ist es richtig«, sagte Mark zu ihm. »Wenn du nur traurig guckst, kriegst du ein verbittertes Gesicht wie die Schnepfe an der Kasse.« Hinter ihm in der Schlange lachte jemand. Die Kassiererin bekam einen hochroten Kopf.
»Aber es ist nicht alles gut«, sagte der Junge leise, der sich sein Schmunzeln nicht gestatten wollte. Seit Tagen lebte er mit einer diffusen Angst, die seine Eltern vor ein Rätsel stellte. Er hatte sie so sehr verinnerlicht, dass ihm jede Fröhlichkeit unangemessen war. »Alles ist gut«, sagte Mark. »Solange du lachst. Es gibt keinen Grund, so traurig zu sein, dass man nicht mehr lacht.« Bevor ein weiteres Wort zwischen ihnen gewechselt werden konnte, war der Junge an der Reihe. Mit großer Eile packte er die wenigen Einkäufe – eine Fernsehzeitschrift, etwas Obst und eine Packung Chips – zusammen und bezahlte, dann floh er geradezu nach draußen, fort von der Kasse und dem stinkenden Mann mit seiner Flasche Korn und dem Orangensaft, nach draußen in die Sonne.
Die Kassiererin maulte Mark den Preis für seinen Einkauf entgegen. Während er zahlte, sah er durch die breite Fensterfront nach draußen. Der Junge war knapp hinter der Tür stehengeblieben und sah hinein. Mit einem Mal schien etwas von ihm abzufallen und er lachte. Dann ging er weiter, nicht eilig, aber mit weiten Schritten, als würde er das erste Mal einen Sommertag genießen.
Mark kehrte mit dem Schnaps zurück in den Park und irgendwo dort, im Schatten des Förderrads, geriet er in Vergessenheit. So wie diese Geschichte, die nicht weiter wichtig ist. Außer für einen zwölfjährigen Jungen, der daran erinnert werden musste, dass alles gar nicht so schlimm ist. ♦