WEIHRAUCH

von Michael Masberg


Zögerlich erlosch die letzte Glut der Zigarre. Ihr Rauch wurde zu einem dünnen Faden, der sich schließlich auflöste. Mit ihm verging alles andere, die ganze Welt.
»Ach Fritz, hättest du dich bloß nicht von dem Russen erwischen lassen.«
Frau Bloch lehnte sich in ihrem ausgesessenen Sessel zurück. Als Kind hatte sie Nonne werden wollen, das war bevor sie die Liebe erfahren hatte. Nun lebte sie wie eine in ihrer kleinen Klause, der leeren, schmucklosen Wohnung. Es war nur wenig, das sie besaß, doch das war alles, was sie benötigte.
Nein, alles hatte sie nicht, jedenfalls nicht in diesem Moment.
Sie sah auf die Uhr. Es war kurz nach zwei. Gleich würde Mutti kommen. Es war Mittwoch und Frau Bloch hatte gehört, wie sie vor einer Stunde die Wohnung verließ, um mit ihrem Sohn einkaufen zu gehen. Bald müsste sie zurück sein. Sicherlich hatte sie jemanden getroffen. Mutti ließ sich gerne in ein Gespräch verwickeln. Auch dafür liebte Frau Bloch sie.
Es klopfte an der Tür. Es musste Mutti sein. Sie oder die Schwester, sonst klopfte niemand bei Frau Bloch. Mutti würde ihr den langen Tag versüßen, die Schwester nur wieder schimpfen, Frau Bloch solle mit dem Rauchen aufhören. Pah, dieses junge, dicke Ding hatte doch gar keine Ahnung!
Im Sitzen zog Frau Bloch ihre grauen Kniestrümpfe hoch und stemmte sich dann mit der konzentrierten Ruhe aus dem Sessel, die ihr Körper mit seinen sechsundachtzig Jahren einforderte. Wer immer bei ihr an der Wohnungstür stand durfte keine Eile haben.
Mit kleinen, aber festen Schritten ging sie durch den winzigen Flur. Da in der Zwischenzeit niemand einen rasselnden Schlüsselbund zückte, sich damit Zutritt zu ihrer Wohnung verschaffte und laut ihren Namen rief, konnte es nicht die Schwester sein.
Frau Bloch öffnete die Tür.
»Mutti!«
Mutti war vierzig Jahre jünger als Frau Bloch, aber schon zogen sich erste graue Fäden durch ihr dunkles Haar. An den Saum ihres geblümten Sommerkleids krallte sich der kleine Michael und ließ seine hellblauen Augen zwischen den beiden Frauen hin– und herwandern.
»Ich habe dir etwas mitgebracht, Frau Bloch«, sagte Mutti und zückte ein Päckchen mit dicken, kurzen Zigarren. Die billigste Sorte, aber sie erfüllte ihren Zweck.
»Du bist die Beste, Mutti. Warte, ich hole mein Geld.«
»Du musst sie nicht bezahlen.«
»Ich bestehe darauf.«
»Frau Bloch, es ist Monatsende.«
Frau Bloch verzog verdrießlich das Gesicht. »Ach Mutti, wie recht du hast. Die Blutsauger von der Hausverwaltung haben von meiner armen Rente nichts gelassen.«
Mutti gab ihr das Päckchen. »Deswegen wirst du sie nicht bezahlen. Sie sind ein Geschenk.«
Die alte Frau ging zu Mutti, zog sie zu sich hinunter und gab ihr einen feuchten Kuss auf die Wange. »Danke, Mutti. Die Schwester hat wieder mit mir geschimpft. Ich solle endlich das Qualmen sein lassen. Ausgelacht habe ich sie. Weißt du, wie lange ich jetzt schon paffe? Seit siebzig Jahren. Früher war es gar nicht schicklich, wenn ein junges Ding die dicken Röhren qualmte. Damals hat es mich nicht interessiert, wenn andere sagten, ich solle aufhören. Und jetzt lasse ich es mir erst recht nicht sagen. Als ob es der Schwester um meine Gesundheit ginge! Die Zigarren sind gut für mich, habe ich ihr gesagt. Sie halten mich am Leben.«
Mutti nickte und lächelte.
Der kleine Michael schob sich vor. Es war deutlich zu sehen, dass ihn etwas beschäftigte. »Warum sagst du ‘Mutti’ zu Mama, Tante Frau Bloch?«
»Weil sie eine gute Frau ist. Sie kümmert sich um mich wie früher meine Mutti, als ich so groß war wie du.«
Der Junge schürzte die Lippen und nickte konzentriert. »Wenn Mama deine Mutti ist, bist du meine Schwester?«
»So in der Art.« Frau Bloch zerzauste ihm das Haar. Zu gerne hätte sie ihm etwas zugesteckt, eine Süßigkeit oder zumindest einen Groschen. Aber weder das eine noch das andere besaß sie.
»Soll ich dir etwas verraten? Diese billigen Dinger schmecken scheußlich.«
»Warum rauchst du sie dann?«
»Stell nicht so viele Fragen«, mischte sich Mutti ein.
»Nein, schon gut. Der Junge soll nur immer fragen. Das Rauchen ist wie ein Gebet. Du gehst doch sonntags in die Kirche?«
An der Art, wie Michael nickte, konnte Frau Bloch sehr genau sehen, dass er nicht gerne dort hinging. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Sie selbst hatte seit Jahrzehnten keiner Messe mehr beigewohnt. Dennoch hätte jeder Frau Bloch als eine gläubige Frau bezeichnet. Und das stimmte.
»Es ist wie Weihrauch.«
»Das stinkende Zeug, mit dem der Priester wedelt?«
»Jetzt reicht es aber, Michael. Wir gehen nach Hause. Entschuldige, Frau Bloch, das nimmt er garantiert von seinem Vater.«
Frau Bloch lächelte und verabschiedete die beiden.
Jetzt hatte sie alles, was sie benötigte.
Die kleine Altenwohnung mit der winzigen Kochnische, die sie nie benutzte, der alte Sessel und der flackernde Fernseher im Wohnzimmer, ihr Bett unter dem Herrn am Kreuze, drei Mahlzeiten am Tag – und ein neues Päckchen der günstigsten Zigarren. Frau Bloch verließ ihre Wohnung nur, wenn sie hinunter zum Speisesaal ging. Das Haus hatte sie schon lange nicht mehr verlassen. Wozu auch? Sie kannte die Welt da draußen, viel besser als man es ihr zugetraut hätte. Es war nicht die Welt da draußen, die sie brauchte. Es war die andere Welt.
Zeit für ein Gebet.
Frau Bloch legte das Päckchen neben den überquellenden Aschenbecher auf den Tisch. Langsam ließ sie sich wieder in ihren Sessel fallen. Schlieren der Sommersonne fielen durch die Fenster, auf dem sich der Qualm der letzten Tage als schmierige Schicht gelegt hatte. Behutsam wickelte sie die Folie ab, öffnete das Päckchen und zog mit ihren gichtigen Fingern eine Zigarre hervor. Wie hatte sie es geliebt, die Spitze abzubeißen und auszuspucken, doch von dieser Gewohnheit hatte sie sich schon vor langer Zeit zusammen mit ihren Zähnen verabschiedet. So griff sie also nach dem Zigarrenschneider, den ihr Vatti vor vier Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. Die Spitze fiel ihr auf den dunkelblauen Rock. Sie packte sie, dachte kurz nach und schnippte sie dann auf den Boden. Für die Schwester.
Frau Bloch zog die Zigarre der Länge nach unter ihrer Nase entlang und inhalierte das Aroma der gerollten Tabakblätter. Was für ein billiges Kraut, aber allemal besser als das, was sie im Krieg hatte rauchen müssen. Selbst der beißende Geruch weckte Erinnerungen, Erinnerungen an vergangene Zeiten. An Bälle und Tänze, Lachen, goldene Lichter, kristallklare Schnäpse und süße Küsse.
Die Liturgie hatte bereits begonnen.
Frau Blochs Lippen umschlossen den Schaft, nässten ihn mit einem feuchten Kuss. Das alte Feuerzeug klappte auf, ein schwungvoller Dreh am Rädchen entzündete den benzingetränkten Docht, und dann zog und saugte Frau Bloch, bis das Ende der Zigarre zu ihrer Zufriedenheit glühte. Mit geschlossenen Augen trankt sie den Rauch und schmeckte ihn wie Wein im Mund ab. Rau, von bitterer Würze, doch dahinter die Erinnerung an Erinnerungen.
Frau Bloch nahm einen weiteren Zug, lang und genüsslich. Er verlangsamte die Zeit, brachte sie zum Stillstand.
Sie atmete aus und öffnete die Augen. Der bläuliche Dunst entfaltete sich wie eine Rose aus Rauch, hing über ihr in der Luft und wirbelte durch die blassen Sonnenstrahlen.
Wolken, die Regen mit sich trugen. Die ersten Tropfen gingen nieder. Ein Pferd flüchtete vor dem aufziehenden Gewitter.
Einen Herzschlag später war es mitsamt den Wolken verschwunden.
Ein neuer Zug. Das leise Knistern der braunen Tabakblätter. Ausatmen.
Ein Lächeln. Es wurde zu einer Hand, wurde zu einer Träne. Einem Vogel.
Atmen.
Das Licht zeichnete die Umrisse eines Gesichts in den Dunst.  Mit der andächtigen Hoffnung, mit der man ein Wunder erwartet, verharrte Frau Bloch in ihrem Sessel. Doch das Wunder blieb aus. Der Rauch war zu dünn, verzog sich, die Zeichnung verblasste.
Atmen.
Kreise entstanden, Wirbel. Ein See, in dessen kaltes Wasser ein schmaler Fuß eintauchte und erschrocken zurückschreckte. Das Echo von Lachen. Ein Baum, dessen mächtige Krone den Himmel verdunkelte. Seine Wurzeln tranken das Wasser des Sees, ließen ihn vertrocknen. Der Baum starb.
Atmen.
Ein Fenster, durch das Frau Bloch auf das Fenster ihrer Wohnung blickte. Sie sah die Ablagerungen des Rauchs, nicht mehr.
Drei Zigarren in der Packung, die erste zur Hälfte geraucht.  Und die Woche war noch lang. Nachschub gab es erst wieder am Mittwoch, dann von ihrem eigenen Geld. Ein neuer Monat wird begonnen haben.
Es wäre besser, die Liturgie zu beenden. Doch Frau Bloch nahm noch einen Zug, einen besonders tiefen. Der Rauch kratzte ihr über den Gaumen, doch jemand wie Frau Bloch hustete deswegen nicht. Sie behielt den Rauch in ihrem Körper, spürte, wie er sich in ihr ausbreitete. Erst als ihr Körper aufbegehrte, pochend nach Atem verlangte, stieß sie die bläuliche Wolke aus, ein Schlot in der Fabrik ihrer Erinnerungen.
Jetzt endete die Zeit.
Wie ein hauchdünner Schleier legte sich der Dunst um einen unsichtbaren Körper, schmiegte sich an Schultern, Wangen und Nase, strich über die Stirn und verfing sich im Haar. Er verdeckte die Augen, doch Frau Bloch spürte den Blick.
»Hallo, Fritz, mein Liebster.«
Der Rauch sank nieder, umtanzte die lächelnde Frau Bloch. Verspielte Finger tänzelten wie Spinnenbeine über ihre Arme. Lippen beugten sich herunter und küssten ihre Stirn.
»Du weißt, dass ich hier bin.«
»Ja. Das weiß ich. Aber es ist schön, dich zu sehen. Außerdem wirst du deinem Mädchen wohl nicht das Rauchen verbieten wollen, mein verhinderter Priester.«
»Meine verhinderte Nonne.«
Sie lachten. Und dann tanzten sie, mit kleinen, wiegenden Schritten. Bis die letzte Glut der Zigarre erlosch und die Welt verging. Bis die Schwester polternd in das Zimmer kam.
Das Gebet war zu Ende.
Das Päckchen mit den Zigarren noch nicht leer. ♦