WORTTOD

von Michael Masberg


Er wanderte über einen Friedhof, ohne sich zu erinnern, wie er dort hingekommen war. Undeutliche Bilder von flüchtigen Begegnungen in der Dunkelheit, im Nebel leuchtenden Gestalten begleiteten ihn. Er erinnerte sich an Musik, die jedes gesprochene Wort verschlungen hatte.
Auf einem Mal fand er sich im strahlenden Sonnenschein auf einem Friedhof wieder.
Es war ein alter Friedhof. Keine ordentlich angelegten Reihengräber, keine gerade gezogenen Gräberreihen. Vielmehr ein morbider Märchenpark. Verschlungene Pfade zogen sich durch eine wild wuchernde Vegetation, Bäume und Büsche formten grüne Tunnel. Dazwischen  ahnte man die Gräber, nicht mehr als verwitterte Steine und Statuen, so alt, dass die Zeit ihre Gesichter zu anonymen Masken geschliffen hatte.
Die waldgleichen Pfade wechselten sich mit verwilderten Wiesen ab. Auf einer dieser Wiesen stand die Statue einer barbusigen Frau, die selbstbewusst voranschritt. Hinter sich zog sie an den Haaren zwei nackte Menschen, Frau und Mann, die verzweifelt versuchten, sich aus ihrem Griff zu entwinden.
In den Sockel dieses Bildnisses hatte der unbekannte Künstler zwei Worte gemeißelt: DAS SCHICKSAL.
Er wollte sich in die Betrachtung vertiefen, aber er ertrug nicht den Ausdruck im Gesicht der voranschreitenden Frau. Von plötzlicher Panik ergriffen floh er. Er wusste nur nicht, wohin.
Sein Fuß verfing sich in einer Wurzel, er fiel hin und schlug fast mit dem Gesicht auf einen Stein auf. Erinnerungen an einen anderen Sturz blitzten auf, als er sich an einer niedrigen Mauer die Zähne zertrümmert hatte.
Mühsam rappelte er sich auf. Sein Blick fiel auf den Leichenstein vor ihm. Er konnte nur das Datum lesen, der Rest war zu verwittert. Er erkannte es und sein Erschrecken wurde noch größer.
Er stolperte über den Friedhof, fiel vor jedem Grabstein, jeder Statue, jeder Gedenktafel auf die Knie und las. Er erkannte.
Jedes Datum war Teil seines Lebens. Die Schmerzen der Vergangenheit holten ihn ein. In jedem Grab lag ein Gefühl, eine Empfindung. Ein Gedanke. Und mit ihnen hatte man die Worte begraben, um sie zu beschreiben.

♦ ♦ ♦

Sie standen sich im Treppenhaus gegenüber, ihr rehbrauner Blick ruhte auf ihm. Sie wäre längst fort gewesen, hätte er sie nicht aufgehalten. Nun wartete sie.
Er musste ihr etwas sagen, aber die Worte waren tot. Er wünschte sich, mit ihnen begraben zu sein.
Da er schwieg, sagte sie: »Ich gehe jetzt.«
Und dann war sie verschwunden. ♦