Seit ein paar Wochen hat das Badische Staatstheater Karlsruhe einen handfesten Skandal am Hals. Der Auslöser war ein Bericht über das Theater mit schweren Vorwürfen durch scheidende Mitarbeitende. Ungefähr seit der gleichen Zeit ist der Instagram-Account @bustedupstaatstheater aktiv. Dieser veröffentlich anonym Statements von Betroffenen, die von mindestens zwei Quellen bestätigt sind.

Der Vorfall zieht Kreise. Weitere Mitarbeitende meldeten sich zu Wort, es gibt Demonstrationen, vonseiten der lokalen Politik wird von einer Kampagne gesprochen, die Vertrauen zerstört und konstruktive Lösungen erschwert. Am vergangenen Freitag entschied der Verwaltungsrats des Theaters nun, an Intendant Peter Spuhler festzuhalten. Derweil bringt sich Schauspieldirektion Anna Bergmann mit einem geschickt platzierten FAZ-Interview in Stellung, ist allerdings selbst Teil der kritisierten Führungsstrukturen. Zusätzlich prüft die Staatsanwaltschaft, ob gegen einen Theatermitarbeiter ein Anfangsverdacht auf sexuelle Nötigung besteht, ermittelt jedoch ebenfalls gegen die verantwortliche Person des Instagram-Accounts wegen des Verdachts auf Nötigung.

Ich will allerdings nicht über den Fall Karlsruhe schreiben. Ich bin kein Betroffener und kenne weder die beschuldigten Personen noch (bewusst) betroffene Menschen. Kurzum: Ich bin nicht unmittelbar involviert. Dennoch beschäftigt mich das Thema. Es fördert Erinnerungen zutage, ebenso viele Frage, die ich an „das Theater“ als Institution und Arbeitsplatz habe.

Warum bin ich nicht überrascht?

Ich lese die Vorwürfe und Statements und bin nicht überrascht. Und dann begreife ich die erschreckende Normalität, die die Aussagen für mich haben.

[…] ein Arbeitsplatz, an dem man für jeden Tag dankbar sein muss, an dem man nicht angeschrien wird.
—Quelle: bustedupstaatstheater

Im November 2001 habe ich meine erste Regiehospitanz begonnen. In den nächsten Jahren folgten während (oder statt) meines Studiums weitere Hospitanzen, schließlich Assistenzen. Vier Jahre lang war ich unter den Intendanten Johannes Lepper und Peter Carp Regieassistent am Theater Oberhausen. Seit 2009 bin ich selbständig tätig, darunter immer wieder am Theater. Von Sprechtheater bis Musical, vom freien Projekt bis zur großen Showproduktion – bis auf Oper habe ich so ziemlich alles gemacht. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen. Dann lese etwas wie den zitierten Satz und weiß: Dieses Gefühl kenne ich.

Ich sehe mittlerweile recht deutlich, was ich mir habe antun lassen. Mit welcher Selbstverständlichkeit ich verletztende Situationen und übergriffiges Verhalten akzeptiert habe. Und wie ich gleichzeitig wiederholt durch Unterlassung zum Mittäter wurde oder anderweitig dazu beigetragen habe, dass sich widerwärtige Machtstrukturen und Verhaltensweisen reproduziert haben.

Ein System der falschen Vorbilder

Nicht alles am Theater ist schlecht. Vieles ist wirklich großartig. Und überwiegend sind die Theaterhäuser die Wirkungsstätte toller Menschen. Trotzdem gibt es mehrere Systemfehler, die das Übergriffige begünstigen, auch dort, wo es „gut“ läuft. Einer dieser Fehler ist die Verehrung falscher Vorbilder.

Das enthemmte Regietheater, das tobende Theatergenie, das zornige Bühnentier und wie wir sie noch nennen wollen. Menschen, die Regie führen wie Trump Amerika. Gewaltmenschen, Machtmenschen – die wir trotzdem verehren. Oftmals, weil wir das Resultat über den Prozess stellen. Und denen wir dadurch Freiräume für ihr Handeln ermöglichen. Da haben wir den Regisseur, der in einer Probeneinheit locker ein halbes Dutzend Weinflaschen schafft, die Darstellenden mit Feuerzeugen bewirft (die die Hospitant*innen dann aufsammeln müssen) und der dafür berücktigt ist, bis 3 Uhr morgens zu proben. Eine Person, die Kult ist. Oder der Regisseur, den alle nur „den Gulag-Kommandanten“ nennen, doch den man nicht zuletzt aufgrund seiner Auszeichnungen gewähren lässt. Und der nebenbei eine toxische Männlichkeit mit sich bringt, die manchen Schauspieler im Ensemble anspricht.

Das könnte eine sehr lange Liste werden, aber es geht nicht um diese konkreten Fälle. Frage irgendeine Person, die nur ein paar Produktionen am Theater hinter sich oder gleich bei der ersten Pech gehabt hat: Du wirst diese Geschichten hören. Und du wirst feststellen, wie sie sich häufig mit der Zeit verklären und zu Anekdoten werden, mit denen man sich gegenseitig überbietet. Denn wir Theaterleute haben eine lange Tradition darin, den Täter*innen zu huldigen. Wir schaffen den Mythos, in dem sie sich wohlfühlen und frei agieren können.

Ernsthaft: Über die empathischen, respektvollen Menschen wird viel seltener ehrfürchtig geredet. Wohl deshalb, weil Ehrfurcht letztlich auch nur eine Form von Furcht ist.

Der Mythos wird weitergereicht

Die Huldigung falscher Vorbilder und das Pflegen ihrer Mythen sorgt für fatale Nachahmungen. Gerade nachkommende Generationen, die noch am eigenen Mythos arbeiten, sind dafür anfällig. Ich kann für mich selbst sprechen, dass ich zwischendurch Verhaltensweisen übernommen habe, die mir rückblickend zumindest unangenehm sind. Ich wollte ebenfalls hart sein. Oder rumschreien. Einmal habe ich sogar mit Dingen geworfen und kam mir im gleichen Moment sehr albern vor. Ich bin dankbar, dass sich in diesen Momenten nichts für mich erfüllt hat. Zudem bin ich für all die anderen Vorbilder und inspirierenden Menschen dankbar, mit denen ich arbeiten und von denen ich lernen durfte. Und die mir geholfen haben, mein Verhalten zu hinterfragen.

Doch die Versuchungen waren da. Sie sind Teil dieser monumentalen Theateridentität, der wir immer noch huldigen. Und die dankenswerterweise Risse bekommt. Es ist so wichtig, dass wir nicht nur anfangen, über Honorare zu sprechen (was wir zu lange aus Neid und Scham nicht gemacht haben), sondern ebenso über ein System, dass Täter*innen begünstigt und reproduziert.

Hier ist eine Anekdote aus meinen Anfängen am Theater:

Bei meiner ersten Hospitanz hat ein Schauspieler einen Tobsuchtsanfall bekommen, weil ich einen Toneinspieler eine Sekunde zu früh abgegeben habe. Er hat mich zusammengeschrien und hielt die ganze Zeit über ein Messer in der Hand. In dem Moment dachte ich: Das war’s. Es ist vorbei. Das waren schöne 19 Jahre – leb wohl, Welt!
Dass ich nach diesem Erlebnis weiterhin am Theater arbeiten wollte, zeigte mir, dass ich für das Theater bereit bin.

Was ist das für eine Anekdote und warum habe ich sie jahrelang Stolz erzählt? Soll das etwa lehrreich sein? Da sitzt ein 19-jähriger zum ersten Mal in seinem Leben vor einer Tonanlage, hat einen nervösen Finger, und ein gestandener Schauspieler schreit ihn zusammen und beleidigt ihn. Und ich mache später daraus die verklärte Erzählung eines Überlebenden, die den Vorfall zum Normalfall erklärt. „Das gehört halt dazu.“ Michael, daran gibt es nichts zu glorifizieren.

Theater ist Macht

Es gibt zwei Institutionen in Deutschland, in denen die Demokratie außer Kraft gesetzt ist: die Bundeswehr und das Theater.
—ein befreundeter Lichttechniker vor ca. 15 Jahren

Dieses Bonmot habe ich selbst immer wieder gerne zum Besten gegeben. Und dabei seine fürchterlichen Dimensionen ignoriert. Denn egal, welche Botschaften, kritische Gedanken und Utopien wir auf der Bühne verhandeln: Hinter der Bühne ist das Theater durchdrungen von Hierarchien. Egal, wohin du schaust, du wirst Hierarchien entdecken. Und diese Hierarchien sind mit Abhängigkeiten verbunden.

Dies macht dieses System so stark und Täter*innen machtvoll. Von deinem Verhalten, deiner Fügsamkeit und Duldsamkeit können die Rollen abhängen, die du die nächsten Jahre spielen wirst. Oder vielleicht willst du nicht immer die Assistenzrolle erfüllen, sondern selbst Regie führen, Bühnenräume gestalten oder Kostüme entwerfen. Außerdem ist die Theaterwelt klein und der Einfluss der Machthabenden reicht weit. Also hältst du deinen Mund. Du schaust weg oder erduldest. Vielleicht holst du dir unmissverständliche Warnungen ab, als du einmal etwas mutiger bist. Du gibst dich mit kleinen Erfolgen zufrieden. Oder du gibst einfach auf. „Das Theater ist wohl nichts für mich, wenn ich das nicht ertragen kann.“

Ich kenne zu viele Menschen, die die Arbeit am Theater krank gemacht hat. Ehrlich: Alkoholismus, Depressionen und Burnouts haben in den überwiegenden Fällen andere Gründe als eine „empfindsame Künstlerseele“.

Wohin nur? Wohin?

Je länger ich diesen Artikel schreibe, desto länger könnte ich ihn schreiben. Vieles, das mich gerade beschäftigt, habe ich nur oberflächlich berührt, manches ausgelassen oder verknappt. Außerdem will ich keine Generalabrechnung mit „dem Theater“ verfassen. Zumal das alles nicht nur für „das Theater“, sondern so oder so ähnlich ebenso für Film- und Showproduktionen gilt.

Es gibt die Theater, die eine andere Atmosphäre pflegen. Und ich durfte von tollen Regisseurinnen und Regisseure lernen, dass ein respektvoller Umgang miteinander ebenfalls großartige Ergebnisse erzeugen – sogar viel großartigere. Diese Menschen sollten unsere Vorbilder sein.

Was ich eigentlich sagen will: Wir Theaterschaffenden müssen uns mit vielen Fragen über Macht und Täterschaft beschäftigen. Jede*r Einzelne*r für sich und mehr noch die Häuser, Produktionsfirmen und Ensembles, die die Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit verantworten. Dazu gehört, Betroffene zu schützen und als Expert*innen anzuerkennen. Bei den Opfern um Verständnis für Täter und Täterinnen zu werben und diese aus falscher Huldigung oder bloß aus Gewohnheit gewähren zu lassen, muss ein Ende finden. Keine „Kunst“ darf es wert sein, dass dafür Angst, Abhängigkeiten und Machtmissbrauch kultiviert werden.